Kurt Lohse

Ausstellung im Künstlerhaus Altona

In Kurt Lohse lernt man einen Künstler von einer Könnerschaft kennen, daß man sich wundert, ihn in Hamburg noch nicht anerkannt zu finden. Lohse scheint noch nicht lange am Ort zu sein oder aber sich zurückzuhalten. Seine Bilderrahmen sehen auch nicht gerade so aus, als ob er sich viel mehr als die Farbe zum Malen leisten könne. Um so größer das Verdienst des Künstlerklubhauses, einen neuen Mann mit seiner umfangreichen Kollektion herausgestellt zu haben.

Nicht immer kommt Kunst von Können - und nicht immer ergibt Können Kunst. Vor einigen Bildern Kurt Lohses macht man sich derartige Gedanken, weil in ihnen die Virtuosität der Mache kalt wirkt, weil das Können als Selbstzweck erscheint. So zum Beispiel in dem großen Selbstbildnis mit dem verkniffenen Gesicht. Mit einer zeichnerischen Exaktheit ist hier das grimassierende Liniengewirr wiedergegeben, mit einem Naturalismus sind selbst die Bartstoppeln erfaßt, daß man die Mache bestaunt wie das Fingerspiel eines Klaviervirtuosen. Aber man fragt sich: wozu ein derartiges Theater und ein derartiges Aufgebot an technischem Können? Soll die Grimasse etwa einem skeptischen Grimm des Künstlers Ausdruck geben? Das wäre dann eine Forcierung, die geschmacklos wäre. Also Theater aus Freude am Theater, eine schwierige Etüde, um das Können glänzen zu lassen.

Indessen, noch etwas anderes ist an diesem Selbstbildnis charakteristisch - so charakteristisch, daß es entscheidendes über die ganze Art des Künstlers aussagt. Ich meine den winzigen spitzigen Pinsel, den er in der Hand hält, ein Pinsel wie ein Pfeil so spitz. Das ist ein evidentes Sinnbild für den Realismus schlechthin, für die sachliche Unerbittlichkeit, mit der der Künstler seinen Objekten zu Leibe geht. Mit dieser scharfen Spitze spitzt er die Wahrheit auf die Leinwand - und vielfach noch etwas mehr als die Wahrheit, nämlich den kritischen Kommentar, die Ironie gleich dazu.

Er ist ein Porträtist, der nichts beschönigt, der die Physiognomie seiner Modelle bis zur Schamlosigkeit entblößt. Allerdings nicht immer - damit ich nicht mißverstanden werde - aus destruktiver Absicht, sondern lediglich aus dem Zwang der Objektivität. (Aber das hat uns ja gerade die "Neue Sachlichkeit" der Dix und Groß, in deren Fahrwasser letzten Endes auch Lohse segelt, gelehrt: daß bis zum äußersten getriebene Objektivität immer distruktiv wirkt, daß sie zum Tod jeglicher Romantik, vor allem des romantischen Begriffs der Schönheit führt.) Kurt Lohse stellt die Welt hin, wie sie ist, unbeschädigt und hart: so wie sie uns heute umgibt mit ihren alltäglichen Motiven, mit ihren Hinterhäusern und Bahnhöfen, mit ihrem Alltagsgrau und ihren bengalischen Abeneffekten.

Eins seiner stärksten Bilder ist die "Nächtliche Maske". Die ganze Trostlosigkeit und Leere nächtlichen Großstadtamüsements wird hier Begriff: eine Maske mit leeren schwarzen Aughöhlen und grellbunten Backen hastet, an den Handschuhen nestelnd, unter den elektrischen Lichtkegeln hin. Hier stößt Kurt Lohse durch die Realität durch, hier erreicht er eine Intensität der Wahrheit, die man sehr treffend bei gewissen rheinischen Künstlern mit der Formel "Magischer Realismus" belegt hat.

Das zwingenste Beispiel eines "magischen Realismus" ist die merkwürdige Darstellung dreier Malay-Bären. Wenn man mit dem Beiwort "magisch" meint, daß über die realistische Erfassung des Gegenstandes hinaus unheimliche, irreale Schwingungen ausgelöst werden, so ist das bei diesen schwarzen Biestern in ihrem steinernen Gefängnis in stärkster Weise der Fall. Zwei von ihnen fletschen gereizt das sonderbar geschlitzte rosige Maul, eines stiert mit einer zugleich kindlich rührenden und grauenerregenden Blödheit ins Nichts - und irgendwie packt einen der ganze Jammer der Kreatur vor diesem verzweifelten Gebaren der gefangenen Geschöpfe. Ein Geruch von Animalität steigt einem penetrant aus dem roten Käfig entgegen - undefinierbares Mitleid und Bangen wird in einem ausgelöst...

Von diesen äußersten Stufen der Lohseschen Kunst, auf denen der Beschauer nicht ungefährdet den scharfen Wind eines Kritizismus und Pessimismus erdulden muß, begibt man sich vielleicht nicht ungern hinab zu den Stufen einer einfachen, unproblematischen Darstellungsweise, die in einem schönen Stilleben mit Grünkohl und Schellfischen, in einem besonders malerischen Stück "Verschneiter Hinterhof" oder in den zügigen Skizzen wie "Blick nach Altona" (über Schienenstränge hin) zur Geltung kommt.

Es ist bezeichnend, daß diese schlichteren Arbeiten Lohses nicht mit dem pfeilspitzen Pinsel ausgetiftelt, sondern mit einem breiten Flachpinsel mit prachtvoll saloppem Können locker und kurvenfreudig heruntergemalt sind.

Skr. (Hugo Sieker), Hamburger Anzeiger 1928

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